Kaum ein anderer Aquarienfisch polarisiert so sehr wie der Guppy.
Für die einen ist er der perfekte Einsteigerfisch: bunt, lebhaft, robust, einfach zu züchten.
Für die anderen steht er symbolisch für Massenproduktion, Qualzucht, Inzucht und unkontrollierbare Vermehrung – der sogenannte „Millionenfisch“.
Und beide Seiten haben recht.
Dieser Beitrag erklärt die Realität hinter diesem Mythos: biologisch, ethisch, aquaristisch und praxisnah.
🧬 Warum Guppys „Millionenfische“ genannt werden
Guppys sind genetische Ausnahmeerscheinungen.
Sie vermehren sich nicht nur schnell – sie sind biologisch darauf ausgelegt, extrem große Populationen in kurzer Zeit aufzubauen.
Fakt:
✔ Ein einziges Guppy-Weibchen kann nach EINER Befruchtung bis zu 5 Würfe hintereinander bekommen.
✔ Jeder Wurf: 20–60 Jungfische (selten bis 100).
✔ Das heißt realistisch:
Ein einziges Weibchen kann 150–250 Jungtiere bekommen – ohne weitere Paarung.
Das liegt an Spermienpaketen, die im Körper gespeichert werden.
Das ist evolutionär genial, aber in der Aquaristik ein Problem:
Wenn du nicht aufpasst, hast du innerhalb von drei Monaten über 100 Guppys.
💡 Viele Anfänger denken, die Tiere hätten sich „unbemerkt wieder gepaart“ – nein, das Weibchen ist einfach immer noch befruchtet.
🌡️ Warum das kontrovers ist
Guppys sind Opfer ihres Erfolgs.
Sie werden weltweit millionenfach gezüchtet – vor allem in Thailand, Singapur, Sri Lanka.
Folgen dieser Massenproduktion:
- Inzucht
- geschwächte Immunsysteme
- kurze Lebenserwartung
- extreme Krankheitsanfälligkeit
- übertrieben große Flossen (Qualzuchtcharakter)
- hohe Keimbelastung durch Importbedingungen
Viele Guppys aus Großzuchten leben nur 6–12 Monate.
Hobbyzuchten schaffen dagegen 2–3 Jahre.
💧 Wasserwerte – hart, stabil, sauerstoffreich
Die meisten Guppy-Probleme entstehen durch falsche Wasserwerte.
Weiches Wasser ist der Tod vieler Linien.
| Parameter | Optimal |
|---|---|
| GH | 10–20 °dGH |
| KH | 5–12 |
| pH | 7–8,2 |
| Temperatur | 22–26 °C |
| Beckenvolumen | ab 80 l |
Wichtig:
Guppys vertragen Temperaturen über 27 °C auf Dauer schlecht → beschleunigt Stoffwechsel → kürzere Lebensdauer.
💡 Aqualizer-Tipp:
KH überwachen.
Wenn KH < 5 → Flossenfäule wird häufiger.
🧠 Kontroverse 1: „Guppys sind perfekte Einsteigerfische.“
➡️ Stimmt teilweise
Sie verzeihen Fehler.
➡️ Stimmt NICHT
Wenn das Wasser zu weich ist.
Wenn man ungeeignete Linien kauft.
Wenn man nicht versteht, wie extrem sie sich vermehren.
🧠 Kontroverse 2: „Ein Guppy lebt nur ein Jahr.“
➡️ Nur Importtiere aus Massenzucht!
Gute Hobbyzucht:
✔ 24–36 Monate Lebenserwartung
✔ stabile Flossen
✔ kräftiges Immunsystem
🧠 Kontroverse 3: „Guppys können ins Gartengewässer, die überleben schon.“
➡️ Nein, das ist illegal und ökologisch verheerend.
Guppys sind invasiv.
Sie zerstören lokale Ökosysteme.
🧠 Kontroverse 4: „Ein kleines 54-Liter-Becken reicht.“
➡️ Technisch ja, aber sozial NEIN.
Guppys brauchen:
- Platz
- Gruppendynamik
- Freischwimmräume
- stabile Wasserwerte
- Pflanzen für Jungfische
80+ Liter = vernünftig
100 Liter = ideal
🌈 Verhalten – unterschätzt, sozial, komplex
Guppys sind neugierig.
Sie erkunden alles.
Sie interagieren.
Das ist kein „dummer Anfängerfisch“.
Sie zeigen:
✔ Balzverhalten
✔ Rivalität
✔ Differentielle Schwarmbildung
✔ Lernverhalten (Futterplatz merken, Hand erkennen)
✔ klare Hierarchien unter Männchen
Viele Halter unterschätzen, wie intelligent Guppys sind.
🤝 Vergesellschaftung – aber mit System
Perfekt mit:
- Mollys
- Platys
- Schwertträgern
- Panzerwelsen
- Garnelen
- ruhigen Salmlern (Keilfleckbarben, Neons, Corydoras)
Problematisch mit:
- Flossenzupfern (Sumatrabarben, Rote von Rio)
- großen Buntbarschen
- sehr weichen Wasserfischen (Diskus, Ramirezi)
🍽️ Futter – vielseitig, aber hochwertig
Guppys sind omnivor.
Sie brauchen:
✔ hochwertiges Protein
✔ etwas Pflanzenmaterial
✔ starke Farbfutter (Carotinoide)
✔ Frostfutter für Vitalität
Typische Diät:
- Artemia (Lebend oder Frost)
- Cyclops
- Daphnien
- Spirulinaflocke
- fein gemahlenes Flockenfutter
- Gemüsechips
Billigfutter = kurze Lebenserwartung.
🐣 Zucht – schön, aber schnell kritisch
Die Fortpflanzungsrate ist der Konfliktpunkt Nummer 1.
Fakten:
- Tragzeit: 25–30 Tage
- Wurfgröße: 20–60 Junge
- Weibchen kann 5 Würfe aus einem Deckakt produzieren
- Reproduktion ab 3 Monaten möglich
- In Pflanzenbecken überleben viele Jungfische automatisch
Typischer Anfängerfehler:
„Plötzlich habe ich 50 Guppys, was mache ich jetzt?!“
💡 Lösungen:
- mehr Mooskugeln entfernen
- weniger Deckung → weniger Überlebensrate der Babys
- gezielt an Hobbyhalter abgeben
- niemals im Handel „entsorgen“ (tierschutzwidrig)
⚠️ Ethik: Die Wahrheit über Billig-Guppys
Viele Guppys aus Massenzucht:
- sind mit Antibiotika vorbehandelt
- haben kurze Lebensdauer
- haben schwache Gene
- zeigen degenerierte Flossen
- tragen Parasiten
- sind immunologisch instabil
Darum empfehle ich in deinen Beiträgen klar:
👉 Kauft Guppys bei Hobbyzüchtern, nicht aus Billigimporten.
Dort bekommst du:
✔ stabilere Linien
✔ längere Lebensdauer
✔ kräftigere Farben
✔ artgerechte Aufzuchtbedingungen
Guppys aus Hobbyzucht sind eine komplett andere Welt.
🧾 Fazit – Der Guppy ist kein „einfacher Massenfisch“
Der Guppy ist:
✔ sozial
✔ farbenfroh
✔ lernfähig
✔ genetisch spannend
✔ extrem vermehrungsfreudig
✔ aber anspruchsvoller als sein Ruf
Er ist ideal für Aquarianer, die sein Verhalten verstehen und seine Biologie respektieren.




